Das nächste Level steht an

Den Breitensport stärken, die Jugendarbeit forcieren und mit den Nachbar­vereinen kooperieren: Der Geislinger Tennisverein setzt die Messlatte hoch.

Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit: Wie viel Wahrheit in diesem Sprichwort steckt, erfahren seit Jahren besonders die Tennisvereine. Der Württembergische Tennis-Bund (WTB) stellt zwar innerhalb des Württembergischen Landessportbunds (WLSB) mit knapp 164 000 Mitgliedern in 1062 Vereinen den viertgrößten Mitgliedsverband. Davon sind aber schon mehr als die Hälfte 46 Jahre und älter. Dem stehen im Nachwuchsbereich gerade mal knapp 39 000 Kinder und Jugendliche gegenüber. Kurzum: Die Vereine überaltern, vielen droht mittelfristig das Aus.

Der Geislinger Tennisverein steuert diesem Trend schon seit Jahren vehement entgegen, hat deshalb – erfolgreich – sein Jugendkonzept auf neue Beine gestellt (wir berichteten), um Kinder und Jugendliche über Schnupperangebote und Kooperationen mit Schulen und Kitas an den Sport mit der gelben Filzkugel heranzuführen, „Kindergarten und Schule in Bewegung“ heißt Letzteres. Eine erfolgreiche Verzahnung von Breiten- und Leistungssport, bei der der Verein den Nachwuchs durchgängig fördert. 15 000 Euro lässt sich das der Verein im Jahr kosten. Was sich bezahlt macht, seit drei Jahren steigen die Mitgliederzahlen wieder, aktuell sind es 323.
Wir stellen die Vereinsführung auf breitere Beine.

Doch auf diesen Lorbeeren will sich niemand ausruhen, vielmehr steht das nächste Upgrade an, die Grundlagen dafür hat der Verein in seiner jüngsten Hauptversammlung gelegt, bei der zugleich eine Ära zu Ende ging: 15 Jahre lang hatte Heinz Bentler als Chef eines dreiköpfigen Vorstands die Geschicke des Verein geleitet. Er hatte außer der konzeptionellen Neuausrichtung wichtige Investitionen – in der Summe knapp 500 000 Euro – in die Spielstätten-Infrastruktur des Vereins angestoßen, der sowohl über eine eigene Halle in der Voßstraße wie auch über eine Freiluft-Anlage im Eybacher Tal verfügt. Nun hat der Tennisverein seine Führungsstruktur komplett umgekrempelt, an der Spitze stehen fortan fünf Vorstände, den Unterbau bilden 13 Mitglieder des Vereinsausschusses – sechs mehr als bislang.

„Dieser Schritt war überfällig“, sagt Thomas Dürr, bislang Bentlers Stellvertreter und künftig Vorstand Vertrieb, daneben gibt es noch die Vorstände Sport, Jugend, Finanzen und Anlagen: „Wir stellen damit die Vereinsführung auf breitere Beine, jeder hat sein klar abgegrenztes Aufgabengebiet, das er dann weit intensiver betreuen kann, als es zuvor möglich war“, sagt Dürr: „Im Prinzip führen wir das konsequent fort, was wir angestoßen haben, haben aber nun mehr Leute dafür.“

Wovon sportlich der gesamte Raum Geislingen profitieren soll, „wir wollen die Tennisvereine aus dem Umkreis als Partner mit ins Boot holen“, sagt Dürr. Das Angebot: Nachwuchsspieler aus diesen Vereinen können bei den Geislinger Mannschaften spielen, ohne dort Mitglied werden zu müssen. „Fakt ist, dass viele Vereine zu wenig Jugendliche haben, um eigene Teams melden zu können. So können sie bei ihrem Verein bleiben und haben trotzdem eine sportliche Perspektive“, sagt Dürr. Im Winter bestehe dann die Möglichkeit zum Training in der Halle, „so profitieren alle von unserem Standort-Vorteil.“

Aber auch sonst geht der TV sportlich in die Vollen mit (Ranglisten-) Turnieren, einer noch intensiveren Nachwuchsarbeit mit noch mehr Trainern und noch mehr Kooperationen mit Schulen und Kindergärten. Schließlich habe man als Sportverein eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, betont Dürr.

Da kommt dann auch schon die zweite große Aufgabe ins Spiel: Der TV Geislingen wird Tennis als Breitensport noch mehr puschen als bisher. Und dafür soll die Anlage im Eybacher Tal sozusagen die Zentrale sein. „Wir wollen einen echten Treffpunkt für die Menschen, für Jung und Alt, Mitglieder und Nichtmitglieder“, sagt Dürr.Eine der wichtigsten Maßnahmen dabei: Seit Ende Mai betreibt das Pächter-Ehepaar Hakan Soylu und Lisa Guagliardi das Clubheim als Speisegaststätte. „Jeder ist dort willkommen“, sagt Dürr, „von der Terrasse aus kann man beim Tennisspielen zuschauen – und wer Lust hat, kann gleich selbst zum Racket greifen, die Anlage ist für jedermann geöffnet, man muss lediglich eine Gastgebühr bezahlen, Ausrüstung kann bei uns geliehen werden. Ziel sei es, so erklärt Dürr, ergänzend zu den bestehenden Angeboten wie Schnuppertennis für Kinder oder dem Tennistreff für Erwachsene den Breitensport voranzubringen und zugleich neue Mitglieder zu gewinnen.
„Ein Verein lebt von seinen Mitgliedern und von der Auslastung der Anlagen“, konstatiert Dürr, „man muss dabei innovativ sein und sich neue Ziele stecken, um zu bestehen.“ Oder wie es eben heißt: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.

erschienen in der Geislinger Zeitung am 13. August 2020
geschrieben von Jochen Weis

Das nächste Level steht an