„Wir wollen jetzt in die Vollen gehen“

Engagement Der Geislinger Tennisverein hat in den vergangenen sechs Jahren seine Jugendarbeit und -förderung konsequent ausgebaut. Jüngster Baustein ist das Projekt „Kindergarten und Schule in Bewegung“. Von Jochen Weis

Schaut man auf die aktuelle Statistik des Württembergischen Landessportverbands (WLSV), fällt auf, dass die 1100 Tennisvereine und -Abteilungen in Baden-Württemberg mit knapp 165 000 Mitgliedern die drittgrößte Sparte bilden – hinter Turnen (1800/704 000) und Fußball (1700/517 000). Geht man tiefer, fällt indes auf, dass auf diese Tennisvereine auf absehbare Zeit ein großes Problem zukommt: Rund 50 000 dieser Mitglieder sind zwischen 46 und 65 Jahre alt, gut 18 000 zwischen 66 und 79 Jahre. Nimmt man noch die dritte große Altersgruppe hinzu, die der 36- bis 45-Jährigen (17 000), „braucht man kein Prophet sein, um zu erkennen, dass mittelfristig viele Vereine verschwinden werden“, sagt Thomas Dürr, stellvertretender Vorsitzender des Geislinger Tennisvereins: Im Jugendbereich sind es württembergweit gerade mal 37 000 Mitglieder.

Beim TV hat man die Zeichen der Zeit schon vor Jahren erkannt und ein Jugendkonzept auf die Beine gestellt, um Kinder für die Sportart zu begeistern. „Unser Ziel war und ist es, ein nahtloses Angebot vorzuhalten – vom Kinder- bis in den Aktivenbereich, vom Breiten- bis zum Leistungssport. Wir haben dabei einen deutlichen Vorteil gegenüber anderen Vereinen: Wir haben eigene Plätze und wir haben eine eigene Halle.“ Beispiel Kindertennis, bislang das Herzstück des Jugendkonzepts:

Bei diesem Angebot werden Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 16 Jahren von einem Trainerteam spielerisch an den Sport mit der kleinen gelben Filzkugel herangeführt. Dazu gehören Koordinationsübungen ebenso wie die ersten Schritte auf dem Court. Jeder kann kommen, Termin ist aktuell jeweils samstags von 11 bis 12 Uhr in der Tennishalle in der Voßstraße. Die Ausrüstung, sprich: Rackets und Bälle, stellt der Verein. Vier Probetermine sind kostenfrei, wer weitermacht, zahlt 40 Euro pro Halbjahr.

Für Mitglieder des Vereins ist das Angebot gratis. Mehr als 50 Kids machen regelmäßig beim Kindertennis mit. „Das Schöne daran ist, dass viele Freundschaften zwischen den Kindern, aber auch zwischen den Eltern entstehen. Für uns ist dieser soziale Aspekt genauso wichtig“, sagt Dürr: „Aber wir können das eben nur deshalb so günstig anbieten, weil uns die Anlagen gehören.“ Wobei das längst noch nicht das Ende der Förderung ist. Wer sich dafür entscheidet, Tennis als Leistungssport zu betreiben, profitiert ebenfalls von der Unterstützung des Vereins. Beim Mannschaftstraining sämtlicher Nachwuchsteams, von der U 8 bis zu den Junioren, sponsert der TV ebenso Platz und Trainer respektive Betreuer wie beim „Matchplay“, also dem reinen Spieltraining, sowie bei den Förderstunden im Leistungsbereich. „Das bedeutet, wir haben eine durchgängige Förderung vom Breiten- bis zum Leistungssport“, betont Dürr. 15 000 Euro im Jahr lässt sich das der TV kosten, allein im Winterhalbjahr 10 000 Euro. Dabei hat sich längst das Kindertennis als Talentschuppen bewährt, immer wieder wechseln von dort Kinder in die Jugendmannschaften. Da steht der Verein übrigens hervorragend da, von den 310 Mitgliedern gehören 70 zur Generation U 18. „Bei alldem ist unsere oberste Prämisse, dass den Kindern Tennis Spaß machen soll, egal in welcher Form sie den Sport betreiben“, sagt Dürr, „sonst würde man viel zu viel Zeit damit verbringen, es einfach nur so zu tun“.

Um die letzte Lücke im Angebot zu schließen, geht der Tennisverein nun auch verstärkt an die Schulen und Kindergärten und bietet Kooperationen an. Macher sind das Trio Timo Goll, Nici Dürr und Michael Blöchinger sowie das Trainer-Team um Peter Liptak. Ihre Intention ist es, einem immer drängender werdenden Problem bei Kindern gegenzusteuern: die Bewegungsarmut mit all ihren negativen Auswirkungen vor allem auf die motorischen und die kognitiven Fähigkeiten. Letzteres ist die Fähigkeit zu denken, Informationen aufzunehmen und zu Wissen zu verarbeiten, darunter fällt auch das Lernen und die Erinnerung. Das Projekt selbst nennt sich „Kindergarten und Schule in Bewegung“, bislang sind die Linden- und die Tegelbergschule sowie der Weilerner Kindergarten an Bord, rund 50 Kinder machen mit.

„Was man als Kind in seiner Entwicklung versäumt, kann man später nur noch zum Teil aufholen“, sagt Goll, „je früher wir also die Kinder zu uns bekommen, desto besser“. Wie beim Kindertennis schulen die Trainer die Körperkoordination, schulen dabei den Umgang mit dem Tennisball und vermitteln die Basics des Spiels. Vorläufer des Projekts ist die Zusammenarbeit mit dem Kinderhaus am Tegelberg, „jetzt wollen wir aber damit in die Vollen gehen“, sagt Dürr.

erschienen in der Geislingener Zeitung am 25.11.2019

„Wir wollen jetzt in die Vollen gehen“